Donnerstag, 4. Juni 2015

Vorstellung und Realität

Kennt Ihr das? Man hat Erwartungen an eine Person, eine genau Vorstellung, wie dieser Mensch sein soll und irgendwann stellt man fest, dass die Vorstellung und die Realität miteinander nur wenig zu tun haben. 

In der Pädagogik und auch in Psychologie und Soziologie spricht man von Rollen, die Menschen haben, und von damit einhergehenden Rollenerwartungen.  

Das Spannende dabei ist, dass wir ganz viele Rollen haben, die wir uns gar nicht selbst aussuchen, weil wir sie von anderen zugewiesen bekommen haben oder sie ganz einfach - zumindest vorübergehend - unveränderlich sind, beispielsweise Schwester, Auszubildende, Vorgesetzte, Mitschülerin. 

Bei den zugewiesenen Rollen wird es schon etwas mehr tricky: Klassenclown, Streberin, Harmoniebedürftige, Revoluzzerin, Schlampe, Macho usw..

Das sind Rollen, die wir durch unser Verhalten - oder die Interpretation unseres Verhaltens - von anderem einfach zugeschoben bekommen. Und es ist so gut wie unmöglich, diesen Rollen zu entkommen und die Rollenerwartung nicht zu erfüllen. 

Jeder von uns kennt den oder die, die immer Witze reißt und lustig ist. Wir erwarten von dieser Person also, dass sie auch immer lustig ist und Witze reißt. Ist das nicht der Fall, sind wir verwirrt und fragen nach: Was ist denn mit Dir, was stimmt mir Dir nicht, warum bist Du so anders?. 

Die einfache Möglichkeit, dass derjenige einfach mal nicht lustig sein will, ohne gleich einen schlechten Tag zu haben, ist in unseren Erwartungen nicht vorgesehen. Umgekehrt wird derjenige sich vermutlich das nächste Mal bemühen, wieder lustig zu sein, um nicht wieder angesprochen zu werden. 

Aber was, wenn das eine Rolle ist, die nicht mehr zu ihm oder ihr passt?

Ein anderes Beispiel ist die typische Zicke, die wir auch alle kennen, vielleicht aus dem Büro oder dem Sportverein. Als wir sie kennengelernt haben, war sie patzig und launisch und vielleicht auch oberflächlich und wir haben sie direkt so in ihre Schublade gesteckt. Und da ist sie nun. Da ist für uns bequem, weil wir dann wissen, woran wir sind. Wir haben uns entschieden: die ist nicht unsere Freundin, die nervt, die zickt immer, die macht immer Drama. Von dort aus interpretieren wir nun ihre Aktionen und Reaktionen.

Wenn ihr Verhalten nun aber nicht mehr in unsere Schublade passt, dann stecken wir sie gerne trotzdem rein. Wir erklären uns auf andere Weise, wie sie doch wieder in die Schublade passt, warum hinter der Nettigkeit etwas anderes stecken muss oder warum die Gute-Laune-Kumpelart hinterhältig ist. Sie könnte nett sein, wie sie will, wir würden es nicht glauben wollen, weil wir ja anfangs gelernt haben wollen, wie sie in Wirklichkeit ist. 

Warum erzähle ich das alles? Weil das unser Leben mehr beeinflusst als uns das bewusst und lieb ist. 

Mir ist das in letzter selbst und auch bei Bekannten und Freunden immer wieder begegnet: die Beziehung steht vor dem Aus oder braucht dringend Hilfe. 

Das Verhalten hat sich eingefahren, wir wissen genau, was wir vom anderen erwarten und wollen und schreiben ihr/ihm immer wieder diesselbe Motivation und Reaktion zu. Positiv wie negativ. 

Es ist sehr schwer für denjenigen aus der Rolle zu kommen und noch schwerer für uns zu akzeptieren, dass derjenige sich inzwischen verändert hat und hinter dem neuen Verhalten etwas ganz anderes steckt und nicht einfach nur dasselbe in neuem Gewand.  

Ich finde das erschreckend, weil es zu festgefahrenen Situationen und Missverständnissen führt, die niemand will. Man steht dann vor einem Scherbenhaufen und weiß nicht so recht, was da eigentlich passiert ist. Man hatte es doch anders gemeint, man wollte sich doch ändern, man wollte glücklich sein. Und doch gelingt uns das kaum. Wir sind Gewohnheitstiere, die gerne wissen, wie die Dinge laufen und nicht so offen für Neues sind, wie wir es gerne wären. Und manchmal droehen wir dann regelrecht im Strudel der Erwartungen und Hoffnungen zu ertrinken.

Auch mit Plus Size und Bodypositivity hat das eine ganze Menge zu tun. Wir stecken uns selbst in die festgefahrende Rolle der faulen, fetten Versagerin, die disziplinlos und hässlich ist und gehen fest davon aus, dass auch die anderen uns diese Rolle zuschreiben. 

Und jetzt kommt die große Überraschung: diese Gefühl, dass man nichts Wert ist, geht in den seltensten Fällen weg, weil man abnimmt. 

Viele malen sich aus, wieviel einfacher ihr Leben wäre, wenn sie nur endlich abnehmen würden. Aber das ändert nicht die Einstellung, die wir zu uns selbst und zu den Menschen um uns herum haben. 

Das klingt jetzt alles, als ob man nichts machen könnte. Aber genau so ist es eben nicht. Darum schreibe ich hier darüber. 

Es ist wichtig, dass wir uns selbst und unsere Einstellungen und Voruteile immer wieder hinterfragen und herausfinden, was dahinter steckt! 

Stimmen Vorstellung und Realität überein?
Ist er wirklich herrschsüchtig? Bin ich wirklich disziplinlos? Nimmt sie mich wirklich nicht ernst? Ist sie wirklich launisch? Habe ich das richtig eingeordnet? 

Ich glaube, wir können soviel mehr gewinnen, wenn wir immer nachspüren, ob wir richtig liegen oder ob wir es nur leicht machen und wieder nach Schema F vorgehen. 

Es mag erst einmal mühevoll sein nachzufragen, aber macht unser Leben langfristig schön und erfüllt.

1 Kommentar:

  1. Ein ganz wunderbarer und so wahrer Post. Ich danke dir für deine wunderbaren Worte und Gedanken.

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